Gesundheitstipps aus dem Internet können manchmal überraschende – und ehrlich gesagt auch etwas abstoßende – Formen annehmen. Zur medizinischen Anwendung von Urin finden sich zum Beispiel erstaunlich konkrete Anweisungen:
- Gegen Zahnschmerzen und Karies: „Den Mund mindestens drei Minuten mit frischem Morgenurin spülen und möglichst lange in der Mundhöhle behalten.“
- Bei Mittelohrentzündung: „Urin in den Gehörgang laufen lassen und 15 Minuten einwirken lassen.“
- Bei Hautunreinheiten oder leichten Verbrennungen: „Am Morgen, nach der normalen Gesichtswäsche das Gesicht mit konzentriertem Morgenurin waschen und möglichst lange nicht abwaschen.“
Hinter solchen Empfehlungen steckt ein erstaunlich langlebiger Mythos: Urin sei ein natürliches Desinfektionsmittel. Tatsächlich wurde er schon in der antiken und mittelalterlichen Medizin zu diesem Zweck eingesetzt.
Den Ekel überwinden – lohnt sich das?
Die Vorstellung, Urin sei steril, gilt heute als überholt. Moderne mikrobiologische Untersuchungen zeigen, dass der menschliche Harntrakt durchaus eine bakterielle Besiedlung besitzt. Aus dem angeblichen Antiseptikum wird damit schlicht eine Körperflüssigkeit, die – wie viele andere auch – Mikroorganismen enthalten kann und daher in der Nähe von Wunden wenig verloren hat.
Hinzu kommt: Urin besteht überwiegend aus Wasser sowie wenigen Prozent Elektrolyten und Stoffwechselprodukten, die der Körper gerade ausscheiden möchte. Für eine antiseptische Wirkung gibt es keinen überzeugenden Mechanismus.
Was brennt, wirkt doch gegen Bakterien?
Dass Urin auf verletzter Haut manchmal brennt, wird gelegentlich als Hinweis auf eine „desinfizierende Wirkung“ interpretiert. Tatsächlich liegt das eher an seiner Salzkonzentration und dem leicht sauren pH-Wert.
Kurz gesagt: Urin kann brennen – aber nicht aus denselben Gründen wie ein Antiseptikum, sondern eher aus denselben Gründen wie Salzwasser auf einer Schürfwunde.
Nein – Urin ist kein Desinfektionsmittel
Heute gibt es sauberes Wasser, einfache Wundreinigung und sterile Abdeckung. Urinanwendungen scheinen daher etwa so ratsam wie einige andere Klassiker der historischen Medizin: Aderlass bei Fieber, Quecksilberkuren gegen Syphilis oder Blutegel gegen nahezu alles.
Trotzdem ist der alte Mythos noch immer nicht ganz ausgerottet.
Sind Ihnen solche Ratschläge schon einmal begegnet?
