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Silvester, Sekt und Fremdsprachen

Gab es bei Ihnen zum Jahres­wechsel inter­na­tio­nale Gäste? Dann haben Sie viel­leicht beob­achtet, wie das Schul­eng­lisch bei vielen nach dem ersten oder auch zweiten Glas Sekt plötz­lich viel besser funk­tio­niert. Menschen, die sonst jeden engli­schen Satz inner­lich mehr­fach korri­gieren, spre­chen auf einmal flüssig, mutig und hörbar entspannter.

Was nach Party­an­ek­dote klingt, ist tatsäch­lich ein gut doku­men­tiertes Phänomen – und 2025 erregte das Thema sogar die Aufmerk­sam­keit des Ig-Nobel-Prize-Komi­tees: Der Ig Nobel Prize, der Forschung prämiert, die „erst zum Lachen und dann zum Nach­denken“ anregt, ehrte im vergan­genen Jahr eine Studie genau zu diesem Effekt, inter­es­san­ter­weise in der Kate­gorie „Frieden“. Die nieder­län­di­sche Arbeit zeigt: Akuter Alko­hol­konsum kann unter bestimmten Bedin­gungen die Fähig­keit verbes­sern, eine Fremd­sprache zu spre­chen. Nicht gefühlt, nicht anek­do­tisch, sondern messbar.

Unge­hemmt durch Alkohol

Dabei geht es ausdrück­lich nicht um mehr Wort­schatz oder bessere Gram­matik. Die bereits 2018 im Journal of Psycho­phar­ma­co­logy veröf­fent­lichte Studie unter­suchte viel­mehr die Sprech­hem­mung. Also jene innere Kontroll­in­stanz, die viele Fremd­spra­chen­lerner perma­nent bremst, weil sie jeden Satz vorab auf Fehler prüfen.

Nach mode­ratem Alko­hol­konsum spra­chen nieder­län­di­sche Probanden in einem Expe­ri­ment für Außen­ste­hende flüs­siger und verständ­li­cher Englisch – ohne sich selbst für besser zu halten. Es ging nicht um Einbil­dung, sondern um Wirkung.

Der Grund: Alkohol senkt Hemm­schwellen, dämpft Perfek­tio­nismus und verdrängt die Angst vor Fehlern. Das Gespräch gewinnt Raum – und das bei manchen Menschen obli­ga­to­ri­sche „Sorry for my bad English“ fällt einfach weg.

Aller­dings aufge­passt: Was die Fremd­spra­chen­nut­zung verbes­sert, gilt nicht für die Mutter­sprache. Wie eine weitere nieder­län­di­sche Studie zeigt, verschlech­tert sich hier die Aussprache mit stei­gendem Blut­al­ko­hol­ge­halt messbar. Der mutter­sprach­liche Ausdruck ist eben meist nicht von sprach­li­chen Unsi­cher­heiten beeinflusst.

Sollten Sie also demnächst wieder jemanden erleben, dessen Englisch nach dem Anstoßen deut­lich an Fahrt gewinnt: Das ist kein Neujahrs- oder sons­tiges Wunder. Das ist evidenzbasiert.

Die IG-Nobel­preis-Gewinner 2025

Renner F et al. Dutch courage? Effects of acute alcohol consump­tion on self-ratings and observer ratings of foreign language skills. J Psycho­phar­macol. 2018

Offrede TF et al. The Impact of Alcohol on L1 versus L2. Lang Speech. 2021