Agatha Christies Giftmorde faszinieren – denn bis heute wirken sie erschreckend glaubwürdig. Ein wichtiger Grund liegt in ihrer Ausbildung. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie zunächst als Krankenschwester, dann in einer Krankenhausapotheke – im Zweiten Weltkrieg erneut. Dort stellte sie Arzneimittel her, wog Wirkstoffe ab und lernte aus nächster Nähe, wie schmal der Grat zwischen Therapie und Vergiftung sein kann.
Die britische Chemikerin Kathryn Harkup hat diesen Hintergrund genauer untersucht. Christie, so zeigt sie, erfand ihre Gifte meist nicht, sondern griff auf reale Arzneistoffe zurück und baute deren Wirkmechanismen erstaunlich genau in ihre Handlungen ein.
Vom Arzneischrank in den Kriminalroman
Ein Beispiel liefert die Miss-Marple-Erzählung „The Case of the Caretaker“. Mordwerkzeug ist Strophanthin, ein Herzglykosid, das ursprünglich aus afrikanischen Pfeilgiften isoliert wurde. In therapeutischer Dosis steigert es die Kontraktionskraft des Herzens, eine hohe intravenöse Dosis kann jedoch schwere Rhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand auslösen. Weil Strophanthin oral nur unzureichend aufgenommen wurde, musste es meist gespritzt werden – ein Detail, das Christie aus ihrer Apothekenzeit kannte und das ihre Täterfigur gezielt ausnutzt.
Einen ähnlichen Kniff baut sie in „The Chocolate Box“ ein: Dort versteckt die Täterin Trinitrin, also Nitroglycerin als Herzmedikament, in Pralinen. Ganz geht Christies Rechnung allerdings nicht auf. Nach Harkups Berechnung wäre die beschriebene Dosis allein kaum tödlich gewesen. Alkohol könnte die blutdrucksenkende Wirkung verstärkt haben – ob das Opfer tatsächlich welchen getrunken hat, lässt Christie jedoch offen.
Aber auch Agatha Christie nimmt sich Freiheiten
Nicht jedes Detail hält heutigem Wissen stand. In „Death in the Clouds“ nutzt Christie das Gift der Boomslang-Schlange, stellt die typischen Blutungen jedoch unrealistisch unauffällig dar. Auch die rasche Identifikation des seltenen Gifts erscheint aus heutiger Sicht wenig plausibel. Der Spannung tut das keinen Abbruch – man muss schon sehr genau Bescheid wissen, um Christie überhaupt einen Fehler nachzuweisen.
Harkup K. The Science of Murder: Agatha Christie’s Deadly Poisons. Vortrag; unter: https://www.youtube.com/watch?v=miVg3eiW_Rc
