Der klassische Body-Mass-Index (BMI) ist robust, einfach – und bekanntlich grob. In unserem Blogbeitrag zum Body Roundness Index haben wir bereits gezeigt, wie sehr Maßzahlen zur Körperform divergieren können und wie wenig sie im klinischen Alltag manchmal zur Risikoabschätzung beitragen. Nun kommt ein weiterer Herausforderer: der metabolische BMI (metBMI).
Der metBMI basiert nicht auf Körpermaßen, sondern auf einem KI-gestützten Modell aus Blutmetaboliten. Entwickelt wurde er von Forschenden der Universitäten Leipzig und Göteborg. Ausgangspunkt ist eine bekannte Schwäche des BMI: Bis zu 30 % der Normalgewichtigen weisen bereits metabolische Störungen auf, während manche Übergewichtige metabolisch unauffällig bleiben. Der BMI erfasst nicht die funktionelle Qualität des Fettgewebes.
Grundlage ist eine in Nature Medicine publizierte Studie mit fast 2.000 Teilnehmenden, in der umfangreiche Multi-Omics-Daten analysiert wurden. Aus über 1.000 Metaboliten identifizierten die Autoren ein klinisch handhabbares Panel aus 66 Markern, das adiposetypische Dysfunktionen präzise abbildet. Ein erhöhter metBMI war mit einem zwei- bis fünffach höheren Risiko für metabolische Fettleber, Typ-2-Diabetes, viszerale Fettakkumulation, Insulinresistenz und systemische Inflammation assoziiert – unabhängig vom tatsächlichen BMI. Zudem verloren Personen mit hohem metBMI nach bariatrischer Chirurgie rund 30 % weniger Gewicht, was auf eine metabolische „Therapieresistenz“ hindeutet.
Besonders spannend ist die Kopplung mit dem Darmbiom: Mit steigendem metBMI nahm die Vielfalt der Darmbakterien ab, ebenso ihre Fähigkeit, schützende kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat zu produzieren – ein möglicher mechanistischer Link zwischen Adipositas, chronischer Entzündung und Insulinresistenz.
Was bedeutet das für die Praxis? Während der Body Roundness Index (BRI), die Waist-to-Hip Ratio (WHR) und die Waist-to-Height Ratio (WtHR) vor allem die Fettverteilung quantifizieren, adressiert der metBMI die biologische Qualität des Fettgewebes. Er könnte helfen, Hochrisikopatienten früher zu identifizieren, Therapieentscheidungen zu personalisieren und das Paradigma „Gewicht gleich Risiko“ zu durchbrechen. Die Waage bleibt wichtig – aber sie bekommt metabolische Konkurrenz.
